Die Qualität von

Freien Systemischen Aufstellungen

 

 

 

Definition des hier verwendenten Begriffs "Qualität":

In vielen Fällen wird der Begriff "Qualität" stellvertretend für die "Güte aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses" eingesetzt (siehe auch bei Wikipedia: Qualität). So verwende ich ihn auch auf dieser Website.
Wer bestimmt das Maß der "Güte"? Derjenige, der ein Ziel verfolgt und in diesem Zusammenhang bewertet, ob für ihn etwas zieldienlich ist oder nicht. Das, was seinem Ziel dient, ist "gut", hat also eine "Güte", eine "Qualität",
und das, was seinem Ziel nicht dient, ist weniger oder gar nicht "gut", hat also keine Qualität.

 

Bei jedem Produkt in der Wirtschaft misst man die Qualität des Produktes daran, ob es dem, was man von ihm erwartet, auch entspricht. Dient das Produkt der Zielerreichung zu 100%, dann ist auch die Qualität 100%.

 

 

Woran misst man die Qualität eines Organisators

des Freien Aufstellens?

 

Wenn jemand verspricht, Freie Systemische Aufstellungen zu organisieren, ist er ein entsprechender Organisator mit einem klaren Ziel.

Die Qualität eines solchen Organisators wird daran gemessen, dass er es versteht, die Regeln des Freien Aufstellens unmissverständlich der anwesenden Gruppe zu vermitteln und für einen Veranstaltungsrahmen zu sorgen, in dem auch wirklich Freie Systemische Aufstellungen stattfinden.

Freie Systemische Aufstellungen finden statt, wenn die folgenden drei Schlüsselfragen von den Teilnehmern für den gesamten Zeitraum der Veranstaltung mit „Ja“ beantwortet werden können.

Schlüsselfrage an den Aufsteller: "Fühlst du dich noch frei und als Chef deiner eigenen Aufstellung?"

Schlüsselfrage an Stellvertreter: "Fühlst du dich noch frei, jederzeit aus der Rolle zu gehen und nicht weiter zur Verfügung zu stehen?"

Schlüsselfrage an Beobachter: "Fühlst du dich noch frei, jederzeit ohne schlechtes Gewissen aus dem Raum zu gehen und dich zurückzuziehen als auch eine Grenze zu setzen, falls du von den anderen Akteuren mit in die Aufstellung hineingezogen werden solltest?"

Wenn der Organisator es versteht, jederzeit die Veranstaltung so zu organisieren, dass die Antwort auf diese Fragen letztendlich immer mit "Ja" beantwortet werden, ist die Qualität dieses Organisators "hervorragend".

 

Die Qualität eines Organisators des Freien Aufstellens misst sich nicht daran, wie gut er seinen Teilnehmern bei ihrer Aufstellung inhaltlich helfen kann, denn dies ist beim Freien Aufstellen keine Pflicht des Organisators. Das Freie Aufstellen ist für alle Teilnehmer eigenverantwortlich und jeder ist Chef seiner eigenen Aufstellung. Dabei kann jeder Aufsteller von jedem Teilnehmer aus der Gruppe einfühlsame Hilfe und Unterstützung bekommen. Dies muss nicht durch den Organisator geschehen. Es "kann", ... "muss" aber nicht.

Wenn niemand einem Aufsteller bei seiner Suche nach einer Lösung helfen kann, weder der Organisator noch die Teilnehmer aus der Gruppe, hat dies nichts mit der Qualität des Organisators für Freies Aufstellen zu tun.

 

 

Woran misst man die Qualität eines Leiters

einer Freien Aufstellung?

 

Bei den Freien Systemischen Aufstellungen ist und bleibt der aufstellende Teilnehmer (= Aufsteller) immer der Chef seiner eigenen Aufstellung. Als Chef kann er jemanden aus der Gruppe bestimmen, seine Aufstellung für ihn zu leiten, wenn er sie nicht selbst leiten möchte. Es kann der Organisator gebeten werden oder irgendjemand anderes aus der Gruppe. Dieser vom Chef bestimmte "Leiter der Aufstellung" (= Aufstellungsleiter) befindet sich immer in einer "Angestellten-Position". Er ist ein vom Chef "angestellter" Leiter, bleibt also weiterhin dem aufstellenden Teilnehmer (Chef) untergeordnet.

 

Der auf diese weise angestellte Leiter hat eine hervorragende Qualität beim Leiten, wenn er die Aufstellung so leitet und führt, dass am Ende der Chef vollauf zufrieden ist. Es spielt dabei keine Rolle, auf welche Weise der Aufstellungsleiter die Aufstellung geleitet hat, mit welcher Kompetenz, mit welchem Wissen, mit welcher Intuition, mit welchen Hilfsmitteln, mit welcher Menschenkenntnis oder Weltsicht. Entscheidend bei der Qualitätsbestimmung ist hier nur das Zufriedenheitsgefühl des Aufstellers darüber, dass die Aufstellung durch die Leitung des Leiters zu einem Happy End gefunden hat, und der Aufsteller das Gefühl hat, dadurch seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen zu sein, oder sein Ziel sogar erreicht fühlt.

Außerdem misst sich die Qualität des Aufstellungsleiters auch darin, dass er sich seiner Angestelltenposition immer bewusst ist und jederzeit den Weisungen und Grenzen seines Chefs zur Verfügung steht.

Wenn er das nicht kann oder nicht möchte, ist er jederzeit in der Lage, achtungsvoll und freundlich sein Leitungsamt niederzulegen und als Aufstellungsleiter nicht weiter zur Verfügung zu stehen. Das hat auch Qualität.

 

 

Woran misst man die Qualität einer Freien Aufstellung?

 

Die Qualität einer Freien Aufstellung misst man daran, dass sie dem Aufsteller optimal bei seiner Frage oder dem Erreichen seines Ziels weitergeholfen hat.

Der Aufsteller bewertet selbst, wie hoch die Qualität seiner Aufstellung war. Gleichzeitig ist er selbst dafür verantwortlich, wie hoch die Qualität ausfällt, weil er ja der Chef seiner Aufstellung ist.

Die Qualität einer Freien Aufstellung kann man also nur am Zufriedenheitsgrad des Aufstellers ablesen. Gleichzeitig liegt es in der Hand des Aufstellers (an seinen Zielen, an seinen Aktionen und an seiner inneren Haltung), wie zufrieden er sich mit Hilfe seiner Aufstellung selbst machen kann.

Die Organisatoren des Freien Aufstellens können manchmal Tipps geben, wie man selbstständig die Qualität seiner Aufstellung erhöhen kann.

 

Wenn jemand anderes die Qualität einer Freien Aufstellung festlegt und beispielsweise bewertet: „Das war eine oberflächliche Aufstellung“, dann stellt er sich mit seinem Bewertungsmaßstab über den Zufriedenheitsmaßstab des Aufstellers und macht sich damit zum Chef – was nicht mehr zum Freien Aufstellen gehört.

Wenn derjenige aber sagt: „Wenn das meine Aufstellung gewesen wäre, wäre ich jetzt mit dem Ausgang sehr unzufrieden“, dann ist das eine Aussage über sich selbst. Wobei derjenige aber übersieht, dass seine persönlichen Ziele und die Ziele des Aufstellers sich immer unterscheiden und man letztendlich eine fremde Aufstellung nicht mit den eigenen Zielen vergleichen kann. Es macht keinen Sinn, die Aufstellung eines anderen an die eigenen Ziele zu koppeln und damit eine fremde Aufstellung mit eigenen Maßstäben zu messen. Denn die fremde Aufstellung spiegelt nur die Ziele des Aufstellers wider und ist dafür da, die Ziele des Aufstellers zu erfüllen – und nicht die Ziele von demjenigen, der diese für ihn fremde Aufstellung beobachtet oder daran teilnimmt.

 

 

Woran misst man die Qualität einer Stellvertretung?


In einer Aufstellung werden für Personen, Elemente oder Aspekte Stellvertreter aus der Gruppe ausgesucht. Diese fühlen sich in die jeweilge "Rolle" ein und berichten, was sie fühlen und was für Impulse sie spüren.

Gibt es eine bestimmbare Qualität für das Agieren innerhalb einer Stellvertreterrolle?

Es kann folgende zwei extreme Möglichkeiten geben:
– Fall A: Ein nicht empathischer Teilnehmer nimmt sich heimlich und bösartig vor, sich für eine Stellvertreterrolle zur Verfügung zu stellen, diese aber vollkommen zu manipulieren und einfach nur "Quatsch" mitzuteilen. Er fühlt sich in keiner Weise in die Stellvertreterrolle ein, sondern spielt kreativ einen Widerspruch nach dem anderen. Als der Aufsteller das beobachtet und fühlt, sagt er: "Du vertrittst in dieser Rolle die entsprechende Person genau
richtig. Genau so kenne ich denjenigen!"
– Fall B: Ein sehr erfahrener Stellvertreter fühlt sich empathisch in die Rolle ein, die ihm zugewiesen wurde. Er besitzt die große Fähigkeit, alles Persönliche von sich selbst auszublenden, absichtslos zu sein, einfach nur diese Rolle zu vertreten und sie auch intensiv zu fühlen. Doch der Aufsteller sagt: »Ich kann mit dem, was du hier in dieser Rolle zeigst, absolut nichts anfangen."

 

Oft wird beim geführten Aufstellen intensiv darauf geachtet, wie ein Stellvertreter sich möglichst "stimmig" in seine Stellvertretung einfinden kann. Er wird berührt, gestellt, es wird ihm in die Augen geschaut, es wird ihm gesagt, wen er ab jetzt stellvertritt und vieles mehr. Dies alles impliziert, dass eine Stellvertretung und damit auch die Aufstellung "unstimmiger" ausfallen könnte, wenn all diese Maßnahmen weggelassen werden würden. Es wird ein Bezug hergestellt zwischen den Einführungsritualen in eine Stellvertreterrolle und der Qualität der Stellvertretung.

 

Nach vielen Jahren Erfahrungen mit dem Freien Aufstellen ist unser Fazit:

Es kommt nicht darauf an, ob man eine Rolle "richtig" oder "falsch" darstellt, ob man Eigenes mit in diese Rolle hineinbringt oder sich sehr einfühlsam allein auf die Stellvertretung konzentriert, sondern nur darauf, ob das, was man tut, dem Aufsteller wirklich hilft. Ob etwas phänomenologisch erspürt oder kreativ konstruiert wurde, spielt keine Rolle. Wichtig ist einzig und allein die Effektivität der angebotenen Hilfe. Das heißt, der einzige Bewertungsmaßstab ist: "Was hilft?"

Denn das, was hilft, ist zieldienlich und daher "gut", hat "Güte", hat "Qualität".
Die Qualität einer Stellvertretung ist also von einem Stellvertreter nicht bestimmbar und daher auch nicht wahrnehmbar, sondern sie wird allein vom Aufsteller festgestellt. Ebenso ist es mit der Qualität der Aussagen von Stellvertretern – auch sie bestimmt allein der Aufsteller.

Sollte ein Stellvertreter beispielsweise mitteilen, dass er in dieser Rolle "ganz klar" etwas Bestimmtes fühlt,
und diesem Gefühl eine bestimmte Deutung geben und behaupten, dass dies auf jeden Fall "so sei", auch wenn der Aufsteller dies nicht annehmen möchte, dann wird das Freie Aufstellen verlassen. Denn der Aufsteller wird nicht mehr als Chef anerkannt, der selbst entscheidet, ob das, was der Stellvertreter mitteilt, für ihn stimmig oder nicht stimmig ist, ob er es als Wahrheit nimmt oder nicht. So etwas kommt bei Aussagen von Stellvertretern vor wie: "Das ist nicht mein Vater!" oder "Ich bin missbraucht worden!"
Selbstverständlich gehört es beim Freien Aufstellen dazu, dass Stellvertreter mitteilen, was sie fühlen und denken. Aber die Einordnung und Bewertung, ob dies auch "wirklich so sei" und der "Realität" entspreche und daher eine hohe Qualität besitze oder ob ein Gefühl "auf jeden Fall" zum Thema gehöre, steht allein dem Chef der Aufstellung zu, also dem aufstellenden Teilnehmer.

 

 

Woran misst man die Qualität der Methode

"Freie Systemische Aufstellung"?

 

Humberto Maturana ist ein chilenischer Biologe und Philosoph mit dem Schwerpunkt Neurobiologie. Er führte den Begriff Autopoiesis ein und übertrug ihn auch auf den Menschen. Der Mensch sei ein autopoietisches System. Autopoietische Systeme sind "geschlossen" und "selbstreferentiell". Das bedeutet u. a.: Die Umwelt kann den Zustand eines autopoietischen Systems prinzipiell nicht erkennen und kann daher auch nicht beurteilen, wie das System auf einen Umwelteinfluss, auf eine Störung, reagieren wird. Kein Helfer kann also zuverlässig vorausberechnen, wie seine Hilfe beim Hilfebedürftigen ankommt und was sie bei ihm bewirkt.

Kurz: Kein Helfer kann exakt vorhersehen, ob seine Hilfe auch tatsächlich hilft.

Der Psychologe und systemische Psychotherapeut Kurt Ludewig schreibt in seinem Buch Entwicklungen systemischer Therapie (S. 231): "... Helfer im Allgemeinen verändern nichts, sondern sie können allenfalls zur Entstehung von Rahmenbedingungen beitragen, die für die selbstorganisierte Selbstveränderung der Klienten günstig sind."

 

Die Methode der Freien Systemischen Aufstellungen, in welchem jeder Teilnehmer so dazugehört, wie er ist, unterstützt es, die Verantwortung für das eigene Leben und für den eigenen Reifungsprozess komplett in die eigenen Hände zu nehmen, autonomes Entscheiden und Handeln zu trainieren als auch zu den Folgen der eigenen Entscheidungen zu stehen und daraus zu lernen.

Sie bietet den Rahmen, selbstverantwortlich (eventuell mit Hilfe der angebotenen Hilfsimpulse anderer Menschen, wie z. B. Berater und/oder Gruppenmitglieder) Probleme zu lösen, Fragen zu beantworten, Ziele zu erreichen, kreativ Ideen für eigene Projekte zu finden u.v.m.

Sie verspricht nicht, dass innerhalb dieses Rahmens auch alle Ziele erreicht werden. Sie bietet lediglich den Rahmen dafür. Genauso wie ein Spielplatz den Rahmen für das Spiel der Kinder bietet.

Gleichzeitig fördert das Freie Systemische Aufstellen eine achtungsvolle Zusammenarbeit der Gruppenmitglieder.

Wenn solch ein Rahmen von einem Menschen gewünscht wird, um sich selbst zu verändern (und damit auch sein eventuell reagierendes Umfeld), dann hat für ihn die Methode "Freie Systemische Aufstellungen" eine hohe Qualität.

 

 

 

© Copyright 2014 Olaf Jacobsen

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