Missverstanden

Das Freie Aufstellen ergänzt

 

Klärung zu den beiden Artikeln Heft 1/06
"Potenzial zur Selbstentfaltung" und "Umsonst ist nichts"

 

Liebe Antje Jaruschewski,

im Heft 1/06 schrieben Sie einen Artikel als Erwiderung auf meinen Artikel. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit ergreifen, Missverständnisse zu klären, und dadurch meine Person - und damit auch das 2003 von mir ins Leben gerufene Freie Aufstellen - wieder in ein stimmiges Licht rücken. Natürlich frage ich mich, was ich getan oder gelassen habe, so dass mein Artikel missverstanden wurde. Und so möchte ich nun an dieser Stelle meine Ungleichgewichte wieder ausgleichen.

Sie haben sich gefragt, worum es in meinem Artikel geht. Daraufhin haben Sie sich selbst eine Antwort gegeben

(Anmerkung im Internet: Dieser folgende kurze Absatz wurde nicht veröffentlicht:)
und als Redakteurin des Heftes meinem Artikel eine Nebenüberschrift gegeben, die nicht von mir stammt und auch nicht mit mir abgesprochen war: "Sind Aufstellungsleiter überflüssig, dürfen Aufstellungen etwas kosten? Engt diese Weltsicht ein?"

Ich verstehe, dass mein Artikel provoziert und dass ich nicht dafür gesorgt habe, die mögliche Provokation zu verhindern. Ich habe den Wunsch, dass Aufstellungsleiter darüber nachdenken, dass es im großen Spektrum der Aufstellungen auch einen Bereich gibt, der oft übersehen, vielleicht auch gering geachtet wird. Mein Anliegen war, das Ausgeschlossene mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Was empfinde ich oft als ausgeschlossen? Die Tatsache, dass Teilnehmer manchmal (nicht immer!) durchaus in der Lage sind, allein mit Hilfe der Stellvertreter ihre Aufstellung vollständig selbst zu leiten. Der sogenannte "blinde Fleck" eines Menschen ist nicht immer hinderlich, aus eigener Kraft auf neue Lösungen zu stoßen. Manchmal genügt mir in meiner eigenen Aufstellung die Rückmeldung eines Stellvertreters und mir wird etwas lösend klar. Dazu brauche ich keinen Aufstellungsleiter.

Doch diese Erfahrung bedeutet nicht, dass Aufstellungsleiter generell keine Rolle spielen. Und natürlich "dürfen" aus meiner Sicht Aufstellungen etwas kosten. Ich wollte nicht beweisen, dass es generell überflüssig ist, für Aufstellungen Geld zu verlangen. Ich wollte auch nicht beweisen, dass Honorare generell einschränkend auf die persönliche Entwicklung von Aufstellungsleitern oder Teilnehmern wirken. Sie haben es selbst auf meiner homepage (www.in-resonanz.net) entdeckt: Ich nehme für meine kleine Ausbildung zum Moderator für Freie Systemische Aufstellungen eine angemessene Teilnehmergebühr. Auch für meinen Musikunterricht und meine musikalischen Tätigkeiten nehme ich ein angemessenes Honorar. Ich halte es für sinnvoll, dass ausgebildete Therapeuten und Aufstellungsleiter für ihre Arbeit und für ihren Einsatz mit den Aufstellungen einen notwendigen Ausgleich verlangen. Wieso sollte ich also etwas gegen Geld haben? Schade, dass sie den von Ihnen entdeckten Widerspruch als den meinigen gedeutet und nicht Ihre eigene Sichtweise hinterfragt haben, ob ich tatsächlich Geld als "schlecht" einstufe.

Habe ich behauptet, dass das Entgegennehmen von Geld Bewusstseinserweiterungen einschränken würde? Wenn ich so etwas behauptet hätte, würde ich mich ja selbst in meinem Wunsch nach Entfaltung gleichzeitig bekämpfen, wenn ich nur einen einzigen Geldschein entgegennähme. Dies klingt recht unrealistisch. Ich wollte mit meinem Artikel den Blick auf einen ganz speziellen Fall lenken: Das Entgegennehmen von viel Geld ("hohen" Gebühren - ich bleibe bewusst in dieser Formulierung unklar, denn "hoch" ist eine subjektive Einschätzung aus dem jeweiligen Gewissen und sollte in dem Zusammenhang auch so bleiben) beim Begleiten einer völlig selbstständig und frei ablaufenden Aufstellung könnte im Aufsteller selbst zu einem Konflikt führen, und der lautet: "Wofür werde ich hier eigentlich bezahlt, wenn der aufstellende Teilnehmer und seine Stellvertreter alles selbst machen und ich in diesem Prozess völlig überflüssig bin?" Und dieser Konflikt will erst einmal bewältigt werden. Wer ein langes Aufstellungswochenende organisiert, in dem die Teilnehmer ihre Aufstellungen selbst leiten und die Aufstellungen alle selbstständig ablaufen, er selbst als Moderator lediglich organisiert, wer wie lange aufstellen darf und wann Pause gemacht wird, aber ansonsten kaum mehr Impulse in die Aufstellungen gibt wie alle anderen Teilnehmer auch, dafür aber von jedem Teilnehmer eine Gebühr von z. B. 180,- Euro erhält und dabei ganz ehrlich absolut keinen inneren Konflikt erlebt, von dem möchte ich lernen. Ich möchte von ihm wissen, wo er speziell in dieser Situation das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen sieht.

Die Spenden, die ich an meinen kostenlosen Aufstellungswochenenden zu Hause in unserem Wohnzimmer (keine Raummiete) erhalte, decken meine Unkosten. Mehr nicht. Und der Ausgleich von Geben und Nehmen spielt sich während des gesamten Wochenendes zwischen allen Teilnehmern ab - inklusive mir (ich stelle auch ab und zu mal auf). Für mich ist es das perfekte Gleichgewicht - wohlgemerkt im Blick auf das wirklich "freie" Aufstellen! Wenn ich allerdings lehre und meine Erfahrungen ständig gefragt sind, wünsche und erwarte ich natürlich ebenso wie andere einen entsprechenden Ausgleich für meinen Einsatz.

Ich bestätige Sie: In manchen Fällen sind geführte Aufstellungen sinnvoll, in anderen Fällen das freie Aufstellen. Die Teilnehmer wählen selbst, ob sie eine freie Aufstellung möchten - und kommen zum kostenlosen freien Aufstellen, oder sie wählen das geführte Aufstellen und kommen zum gebührenpflichtigen und betreuten Aufstellen. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich behaupte nur, und meine Behauptung kann jeder überprüfen, es ist keine Wahrheit: Das freie Aufstellen verläuft meines Erachtens nur wirklich frei, wenn nicht einmal per Honorarzahlung ein Leiter existiert.

Dazu kann ich eine Erfahrung aus meinem Musikstudium berichten: Mein Dirigierlehrer erwartete oft im Unterricht von mir, dass ich als Dirigent ihm gegenüber selbstsicher, eigenständig und klar auftreten sollte. Ein Dirigent müsse selbstbewusst führen. Erkennen Sie hier das Paradox? Ein Mensch führt mich und verlangt gleichzeitig, ich solle führen. Wie geht das? Erst als ich vor meinem eigenen Chor stand und mein Dirigierlehrer nicht anwesend war, konnte ich sofort vollständig die Rolle des führenden Dirigenten übernehmen. Ich war selbstsicher und klar und konnte mich in dieser Rolle frei entfalten. Dazu nutzte ich alle meine Erfahrungen mit meinem Lehrer. Mein Lehrer selbst hat mich jedoch nie von dieser Seite erlebt.

Ein weiteres Phänomen in Aufstellungen ist an dieser Stelle wichtig: Wenn ein Stellvertreter ein Gefühl hat, z. B. eine Angst, und man sucht für dieses Gefühl einen weiteren Stellvertreter aus und stellt ihn als "Angst" in die Aufstellung, dann verschwindet meistens das Angstgefühl im ersten Stellvertreter. Es wurde personifiziert. Franz Ruppert bedient sich in seinen Aufstellungen sehr oft dieses Phänomens und stellt ein Gefühl nach dem anderen ins Bild, um die aufstellende Person so lange zu entlasten, bis sich eine endgültige Lösung ergibt. Manchmal stehen so am Ende über 20 Gefühls-Stellvertreter in der Aufstellung - und der aufstellenden Person geht es endlich gut.

Oder schauen Sie auf die Kinder-Dynamik, die wir Erwachsene auch oft in uns tragen: Erst wenn die Eltern nicht mehr hinschauen, haben die Kinder den Impuls, etwas von den Eltern Gewünschtes zu erledigen. Solange die Eltern schauen und in gewisser Weise "kontrollieren", tun sie es nicht (um nicht ihr Gesicht zu verlieren) oder nur mit wenig Energie.

Ergo hat jemand meistens erst dann die volle Energie, seine eigene Aufstellung selbst vollständig zu leiten, wenn es keine andere Person mehr gibt, die in gewisser Weise die Leitungsfunktion vertritt. Dann ist die Option zum Selbstleiten und zur Selbstentfaltung außerhalb jeglicher Anleitung oder Begleitung vollständig vorhanden. Für diese Option darf meiner Erfahrung nach vorher keine Person eine Gebühr für Ihren Einsatz verlangt haben, denn sonst "rutscht" sie dadurch automatisch und konstant in die Rolle des "Leiters" (so wie mein Dirigierlehrer konstant in der Rolle des Lehrers war). Als achtungsvoller Schüler würde ich mich nie über meinen Lehrer erheben, als achtungsvolles Kind würde ich mich nie über meine Eltern erheben, als achtungsvoller Teilnehmer würde ich mich nie wagen, mich leitend in der Rangfolge über den Aufstellungsleiter zu stellen, den ich vorher bezahlt habe. Ich betone noch einmal: Diese Ausführungen beziehen sich nur auf die Möglichkeit des vollständig freien (= eigenbestimmten) Aufstellens. Beim geführten Aufstellen ist ein anderer Rahmen, sind andere Regeln, Rangfolgen, Qualitäten und Möglichkeiten vorhanden, denen ich genauso zustimme und sie für wichtig und gut halte. Dort ist Hilfe, Unterstützung, Verantwortungsübernahme, Fürsorge, Know-how gefragt. Innerhalb dieses Unterstützungsrahmens kann sich viel lösen, können Schritte gegangen werden. Doch der Schritt zur vollständigen Selbstständigkeit gelingt meines Erachtens nur dadurch, dass man sich auch tatsächlich in die Selbstständigkeit bewegt und die bisher hilfreichen Krücken ablegt. Sind diese Krücken jedoch mit wertvollen Diamanten besetzt und hat man einen hohen Preis dafür bezahlt, dann behält man sie oft noch ein bisschen länger, auch wenn man sie eigentlich gar nicht mehr braucht.

Verantwortung und Fürsorge gegenüber anderen Menschen sind in vielen Fällen wichtige, nötige und hilfreiche Ressourcen. Das nutze ich auch selbst beim Begleiten von Aufstellungen sowie beim Unterrichten von Musikschülern. Wenn aber eine Aufstellung die Tendenz hat, sich selbstständig entwickeln zu können, ein Aufstellungsleiter jedoch meint, hier immer noch eine gewisse Verantwortung oder Fürsorge für den Aufstellungsablauf oder den Teilnehmer zu tragen und seine eigene "Überflüssigkeit" in diesem Fall nicht integrieren kann, dann wirkt dies auf die Aufstellung und ihre freie "Selbstentfaltung" unter Umständen hinderlich.

Warum dauert meine Ausbildung zum Moderator für Freie Systemische Aufstellungen insgesamt nur 30 Stunden? Weil es im Wesentlichen darum geht, das Vertrauen zu erlangen, nichts tun zu müssen und keine Verantwortung für andere zu tragen (natürlich nur die Verantwortung für das eigene Handeln, selbstverständlich!). Alles übrige, was ich in der Ausbildung anbiete, sind meine persönlichen Erfahrungen, wie man Aufstellungen noch unterstützen könnte, wenn man es möchte, doch das gehört nicht zur generellen Tätigkeit des "freien" Moderators. Wenn ich mein erlerntes Wissen als Moderator doch mal mit einbringe, ist das meine ganz persönliche Entscheidung und verlangt keinen Ausgleich. So geht es jedem Teilnehmer. Jeder bringt sich selbst ein, steht als Stellvertreter zur Verfügung und erhält als Ausgleich die Erfahrung der Teilnahme - wohlgemerkt nur beim freien Aufstellen.

Zum Thema "Verantwortung" kann ich am Ende eigentlich nur eines ergänzen: Das Hauptproblem der Missverständnisse in diesem Bereich liegt darin, wie jeder Einzelne den Begriff "Verantwortung" definiert. Was ist eigentlich Verantwortung ganz genau? Und was meinen wir damit? Ich habe meine Definition in dem Buch "Das freie Aufstellen - Gruppendynamik als Spiegel der Seele" dargelegt (S. 156 ff) und auch als Buchauszug auf meiner homepage veröffentlicht.

Ich danke Ihnen für die Möglichkeit, mich und meine Erfahrungen noch einmal nachträglich genauer zu erklären. Ihnen und Ihrer Leserschaft wünsche ich weiterhin viele wichtige und anregende Erfahrungen mit dem Aufstellen und dem Austausch darüber.

Mit herzlichen Grüßen

Olaf Jacobsen

 

Autor: Olaf Jacobsen     Reaktionsschreiben auf den Artikel von Antje Jaruschewski "Umsonst ist nichts ... " in "Systemische Aufstellungspraxis" Heft 1/2006
25.4.2006 (veröffentlich in Heft 3/2006, "Systemische Aufstellungspraxis" unter dem von der Redakteurin A.Jaruschewski veränderten Titel "Das freie Aufstellen - eine Klärung")

 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

"Die Konsequenzen eines jungen Aufstellungsleiters", 2002
"Frei oder geführt?", 2005
"Das Potenzial zur Selbstentfaltung", 2006
"Missverstanden - Das freie Aufstellen ergänzt", 2006
"Frei ist nicht gleich frei", 2007
"Verstrickte Gefühle - Familienstellen hilft", 2007
"Familienprobleme - oft nur Theater?", 2008
"Wünsche wecken Wirkungen und Wertungen", 2010
"Interview mit Olaf Jacobsen - von Ilka Baum", 2011

"Das Potenzial der Freien Systemischen Aufstellungen" - PDF-Datei, 2011

 

 

 

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