Familienprobleme - oft nur Theater?

 

Unbewusste Rollenspiele erkennen und beenden

 

„Ich sehe was, was du nicht siehst“
Wir kennen es aus Kinofilmen: Ein Mädchen nimmt Kontakt zu kleinen Fabelwesen auf, spricht mit ihnen und erhält dadurch bestimmte Botschaften. Mit diesen Informationen geht das Kind begeistert zu seinen Eltern und erzählt es. Die Eltern schütteln nur den Kopf und nehmen das Kind nicht ernst.
Weil der Kinozuschauer eingeweiht ist, steht er auf der Seite des Mädchens. Er hält die Eltern für uneinsichtig. Das Mädchen ist traurig oder verzweifelt und fühlt sich nicht verstanden. Klar, denn es hat den Eltern eine Erfahrung voraus. Und so besteht eine Kluft zwischen dem Mädchen und seinen Eltern. Umso mehr erfreut es alle (Mädchen und Zuschauer), wenn die Eltern am Ende erstaunt mit offenem Munde die Fabelwesen selbst sehen können.
Der Kinozuschauer geht nach Hause, begegnet auf dem Heimweg einem Freund, der begeistert von den Phänomenen einer Familienaufstellung erzählt. Doch der Kinozuschauer schüttelt nur den Kopf und nimmt den Freund nicht ernst…
Es besteht eine Kluft zwischen Menschen, die das Familienstellen schon einmal erlebt haben, und denjenigen, die es nicht kennen. Und es gibt eine weitere Kluft zwischen den Menschen, die schon einmal Freie Systemische Aufstellungen durchgeführt haben, und denjenigen, die „nur“ das geführte Aufstellen kennen.

Freie Familien-Aufstellungen
Im Folgenden werde ich kurz die Phänomene des „freien“ Aufstellens beschreiben. Diejenigen Leser, die noch keine Erfahrungen diesbezüglich gemacht haben, werden vielleicht den Kopf schütteln. Die übrigen werden erkennen, wie man diese Phänomene sogar noch auf den Alltag, in die eigene Familie übertragen kann.
Beim freien Stellen leiten die Teilnehmer ihre Aufstellung selbst. Sie haben die Wahl, ob sie ihr Problem verdeckt oder offen aufstellen. Meistens wird verdeckt begonnen: Der Teilnehmer überlegt sich, was er genau anschauen möchte. Angenommen, es besteht ein Problem in seiner Gegenwartsfamilie. Dann sucht er aus der Gruppe Personen aus, die seine Familienmitglieder stellvertreten sollen. Er sucht einen Stellvertreter für sich, eine Stellvertreterin für seine Frau und zwei für die Kinder. Doch er sagt den Stellvertretern weder, welches Problem er hier aufstellt, noch, welche Rollen die jeweiligen Personen innehaben. Er stellt es sich nur innerlich vor, wer wen darstellt. Niemand aus der Gruppe ist eingeweiht – auch der Moderator nicht. Die Stellvertreter werden auch nicht aufgestellt, sondern stellen sich einfach nur zur Verfügung und beginnen nach ihren eigenen Gefühlen und Impulsen ein spontanes Rollenspiel. Es besteht also absolut keine Chance, dass den Stellvertretern irgendwelche Informationen über die Situation gegeben werden – nicht einmal nonverbal. Der aufstellende Teilnehmer muss auch die Stellvertreter nicht direkt aussuchen. Er kann einfach nur in die Gruppe rufen: „Wer möchte gerne die erste Rolle übernehmen? Wer die zweite?“ usw. So wird auch noch die letzte Beeinflussungsmöglichkeit ausgeschlossen, dass die aufstellende Person sich intuitiv Leute aus der Gruppe aussucht, die den Familienmitgliedern in gewisser Weise entsprechen.
Das Phänomen: Wenn die Stellvertreter sich für die Aufstellung zur Verfügung stellen und das spontane Rollenspiel miteinander beginnen, entdeckt die aufstellende Person in den Verhaltensweisen der Stellvertreter sofort die Dynamik der eigenen Familie wieder. Die Problemsituation spiegelt sich eindeutig! Und nun kann erforscht, den Stellvertretern Fragen gestellt und mit der ganzen Situation experimentell umgegangen werden, bis man eine Lösung für das Problem gefunden hat.
Ist die Aufstellung beendet und gehen die Stellvertreter aus ihren Rollen, stehen nun also der Aufstellung nicht mehr zur Verfügung, dann beenden sich auch die entsprechenden Rollengefühle wieder.

Unfreiwillige Aufstellungen im Alltag
Aus der Sicht als Stellvertreter: Eine Person aus einer Gruppe stellt sich als Stellvertreter zur Verfügung, erfährt während der Aufstellung verschiedene zur Problematik passende Gefühle und Impulse, die sich dann wieder beenden, wenn die Aufstellung aufhört oder die Person sich der Aufstellung nicht mehr zur Verfügung stellt und wieder in der Gruppe Platz nimmt. Dies läuft so „natürlich“ ab, ohne besondere Konzentration oder Rituale, dass ich dieses Phänomen im Alltag suchte. Ich fragte mich: Könnte das Leben nicht ständig aus lauter kleinen oder größeren unabsichtlichen Aufstellungen bestehen? Seit dieser Frage entdecke ich es überall wieder. Und es passieren lauter kleine Wunder, sobald ich noch weitere Zusammenhänge des Familienstellens direkt auf den Alltag übertrage. Wenn ich mir z.B. in bestimmten Situationen mit Freunden innerlich sage: „Ich stehe jetzt dieser Aufstellung hier nicht weiter zur Verfügung“  verschwinden auf einmal Gefühle, die ich vorher noch in problematischer Weise spürte. Einfach genial!
… und so besteht nun eine Kluft zwischen mir und all den Menschen, die so etwas bisher noch nicht erlebt haben und ungläubig den Kopf schütteln. Ich kann nur empfehlen: ausprobieren und erfahren!

Spiegelungs-Beispiele aus der Familie
Schauen wir uns eine Familie unter diesem Gesichtspunkt genauer an: Eine Mutter wachte eines Morgens mit unguten Gefühlen auf. Ihr ging es nicht gut. Auch ihr Sohn kam kaum aus dem Bett und klagte: „Mami, mir ist so schlecht – ich möchte heute nicht zur Schule!“
Die Mutter kennt die Resonanz zwischen Eltern und Kindern und sagte: „Das ist meins. Nicht dir geht es schlecht, sondern mir – und zwar ganz heftig! Du brauchst mir dafür nicht zur Verfügung zu stehen.“ Das Kind schlappte ins Bad – und nach 10 Minuten kam es voller Energie in die Küche, frühstückte herzhaft und ging fröhlich zur Schule.
Ein anderes Beispiel: Meine Partnerin und ich organisieren manchmal private freie Aufstellungen bei uns zu Hause. Während meine Partnerin ein eigenes Thema aufstellte und die Aufstellung gerade voller Spannungen war, hörten wir, wie sich ihre beiden Kinder im oberen Stockwerk zu streiten begannen. Die Kinder konnten nicht wissen, in welcher Energie sich ihre Mutter gerade befand – und doch drückte es sich sofort in Form eines Streites zwischen ihnen aus.
Oft besteht eine Lösung in einer Familienaufstellung darin, dass man eine „Last“ an die eigenen Eltern zurückgibt. Dieses Ritual bedeutet nichts anderes als: „Lieber Papa, liebe Mama, ich spiele jetzt für euch keine Aufstellung mehr. Ich stehe für das Spiegeln eurer Spannungen nicht weiter zur Verfügung.“ Immer wieder zeigt dies, dass Menschen vorher in einer unabsichtlichen Aufstellung gegenüber ihren eigenen Eltern stecken geblieben waren. Da Kinder ihren Eltern immer untergeordnet sind, stehen sie damit auch den Ungleichgewichten der Eltern zur Verfügung, befinden sich in Resonanz und haben – wie in einer Aufstellung – für die Eltern oft Stellvertreterrollen. Die Kinder spielen Rollen für diejenigen Anteile der Eltern, die die Eltern in ihrem Leben bisher noch nicht integrieren konnten. Nutzen die Eltern diesen Spiegel aber nicht und arbeiten auch nicht an sich selbst, so fangen im Laufe der Zeit die Kinder an, sich mit diesen Rollen zu identifizieren. Erst wenn sie als Erwachsene erkennen, dass es übernommene Gefühle und Verhaltensweisen sind, die sie da leben, können sie diese den Eltern zurückgeben, indem sie aus dieser schon seit Kindheit dauernden Aufstellung herausgehen und sich selbst sagen, dass sie den Eltern dafür nicht weiter zur Verfügung stehen („Ich achte dich und dein Schicksal und lasse es ganz bei dir“).

Entlastungs-Beispiele
Eltern, die sich der spiegelnden Funktion ihrer Kinder bewusst sind, können sie entlasten, indem sie ihnen erlauben, sich nun nicht weiter für eine bestimmte Energieform zur Verfügung stellen zu müssen. Dabei haben die Eltern immer die Wahl, ob sie ihr inneres Ungleichgewicht nun mit Hilfe dieses Spiegels lösen oder es noch bestehen lassen. Man kann Kinder auch entlasten, indem man ihnen klar macht, was sie hier gerade spiegeln, dass es nicht zu ihnen gehört sondern zu einem selbst, und ihnen dann einfach erlaubt, das Spiegeln zu beenden.
Diese Möglichkeit entlastet Eltern, die sich bewusst sind, dass sie selbst noch ein großes momentan nicht lösbares Problem haben, die aber bisher nicht wussten, wie sie ihr Kind davor bewahren können. Klären Sie ihr Kind bezüglich der Rolle auf, die es gerade spielt, und entlassen Sie es liebevoll aus der Rolle. Sie können auch sagen: „So wie du spürst, wenn ich gute Laune habe, spürst du auch, wenn es mir nicht so gut geht. Lieb von dir, aber das ist mein Problem. Du brauchst dich nicht darum zu kümmern.“ … und dann staunen Sie über das Wunder eines fröhlichen und entlasteten Kindes.
Manchmal können wir erleben, wie unser Partner sich wie ein provozierendes Kind oder ein strafender Elternteil uns gegenüber verhält. Der andere macht sich klein – oder macht sich besonders groß. Auch hier besteht die Möglichkeit, unserem Gegenüber zunächst mitzuteilen: „Du erinnerst mich jetzt gerade an ein kleines Kind.“ Oder: „Du erinnerst mich jetzt gerade an meinen Vater.“ Als nächstes erzählen Sie, wie Sie diese Rolle zu ihrem eigenen momentanen Problem zuordnen oder welches Gefühl es in ihnen auslöst. Sie sagen, dass Sie darüber nachdenken werden und nun ihrem Partner erlauben, diese Rolle wieder abzulegen. War das Verhalten des Partners tatsächlich eine spiegelnde Stellvertreterrolle, dann wird sich nun sein Verhalten sofort verändern.
Wenn wir selbst umgekehrt das Gefühl haben, für unseren Partner gerade eine Stellvertreterrolle zu spielen, dann können wir das formulieren. Wir können auch Vermutungen anstellen, warum und was wir hier gerade spiegeln, und können anschließend mitteilen: „Wenn du nichts dagegen hast, lege ich diese spiegelnde Rolle nun wieder ab und stehe dir dafür nicht weiter zur Verfügung. Ist das in Ordnung für dich?“
Manchmal können wir schon im Voraus unabsichtliche Gefühlsübertragungen vermeiden, indem wir unserem Partner sagen: „Ich möchte dir jetzt nur erzählen, wie es mir gerade geht. Du brauchst mir aber nicht für eine Hilfe zur Verfügung zu stehen. Ich brauche einfach nur, dass mir jemand zuhört, mich versteht und ich meine Probleme einmal in Worte gefasst habe.“ Denn oft, wenn einer klagt, stellt sich der andere zur Verfügung und gibt Ratschläge, weil er sich beim Zuhören nicht gut fühlt. Mit dieser Botschaft ist er jedoch von vornherein entlastet.

Mehr Verhaltenspielraum gewinnen
Selbstverständlich bestehen nicht alle unsere mitmenschlichen Probleme aus unabsichtlichen Aufstellungen und dem Nichtwissen um die Möglichkeit, sich selbst oder andere aus Rollen zu entlassen. Natürlich gibt es nach wie vor einen Großteil unserer Probleme, den wir auf herkömmliche Weise lösen müssen, durch Selbstreflexion, Umwandlung von Abwehr in Annahme, Meditation, Selbsterkenntnis, viele verschiedene therapeutische Methoden, etc. Und natürlich können wir die alltäglichen Aufstellungen auch erfolgreich als Spiegel für uns nutzen. Aber das Wissen um die Möglichkeit, sich selbst und andere aus unabsichtlich übernommenen Rollen wieder zu entlassen, erweitert unser Verhaltensspektrum enorm – und führt leider zu einer weiteren Kluft zu den Menschen, die das alles nicht nachvollziehen können...

 

Autor: Olaf Jacobsen     Erschienen in: "Visionen" 11/2008, S. 36 ff.

 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

"Die Konsequenzen eines jungen Aufstellungsleiters", 2002
"Frei oder geführt?", 2005
"Das Potenzial zur Selbstentfaltung", 2006
"Missverstanden - Das freie Aufstellen ergänzt", 2006
"Frei ist nicht gleich frei", 2007
"Verstrickte Gefühle - Familienstellen hilft", 2007
"Familienprobleme - oft nur Theater?", 2008
"Wünsche wecken Wirkungen und Wertungen", 2010
"Interview mit Olaf Jacobsen - von Ilka Baum", 2011

"Das Potenzial der Freien Systemischen Aufstellungen" - PDF-Datei, 2011

 

 

 

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