Verstrickte Gefühle

 

Familienstellen hilft

 

Wie kann ein einziger kleiner Satz dazu führen, dass Gefühle sich grundlegend ändern, unangenehme Körpersymptome sich beenden und eingefahrene Überzeugungen sich schlagartig wandeln? Das Buch „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“ ist innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller geworden. Warum fühlen sich so viele Menschen durch diesen Titel angesprochen?

Alles ist eins
Immer öfter liest und hört man, dass die Welt „eins“ ist. Durch eine „Matrix“ sei alles miteinander vernetzt, untrennbar, eine Einheit. „Fehler in der Matrix“ (das Buch von Grazyna Fosar und Franz Bludorf) zeigt dazu faszinierende Zusammenhänge und liefert Indizien für die Allverbundenheit unseres Universums. Die wissenschaftlichen Interpretationen von Quantenphänomenen deuten darauf hin, dass alle scheinbar voneinander getrennten Elemente und Wesen über ein Informationsfeld in Verbindung stehen. Doch das ist eine Sichtweise, deren Folgen sich zwar immer wieder erleben lassen, die sich aber nie vollständig beweisen lässt. Wenn wirklich alles innerhalb unseres Universums wie in einer Matrix miteinander verbunden ist, dann gibt es nichts, was sich außerhalb dieser Matrix befindet und sie von außen wahrnehmen kann. Alles ist ein Teil von ihr. Deshalb existiert ein blinder Fleck, eine Unvollständigkeit. Buddha sagte: „Man kann den Geist nicht mit dem Geist erforschen“. Und so kann die Matrix auch nicht mit Mitteln dargestellt werden, die Teil der Matrix sind. Selbst der Film „Matrix“ zeigt wunderbar, dass der Held „Neo“ die entscheidenden Erkenntnisse über die Matrix nur erhalten konnte, nachdem er die rote Pille schluckte und auf diese Weise aus der computergenerierten Scheinwelt aufwachte. Im von ihr getrennten Zustand wurde er mit der „Realität“ konfrontiert. Außerhalb der Matrix konnte er sie vollständig realisieren. Ist man mit der Matrix verbunden, mit ihr im „Gleichgewicht“, so kann man sie nicht direkt wahrnehmen. Im absoluten Gleichgewicht verschwindet die Wahrnehmung und damit auch die Beweisbarkeit.


Beim Familienstellen ist die Verbundenheit erlebbar
Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit dem zufrieden zu geben, was man am eigenen Leib oder mit Hilfe von phänomenologischen Experimenten als Folge der Allverbundenheit erfahren kann. Wer sich mit Spiritualität oder Grenzwissenschaften wenig beschäftigt und dem Familienstellen begegnet, ist entweder hoch überrascht von dem, was er dort erlebt, oder er wertet es als ein „abgesprochenes Theaterspiel“ ab und distanziert sich misstrauisch. Mir ist zur Zeit jedoch keine andere Selbsterfahrungs-Methode bewusst, in der die Verbundenheit zwischen Menschen so klar empirisch zum Vorschein kommt.
Viele stehen an dem Punkt, an dem sie sich fragen, welche Konsequenzen die Vernetzung in der Matrix eigentlich in unserem Alltag hat und wie man das Wissen über sie gezielt einsetzen kann. Um darauf Antworten zu erhalten, könnte man genauer beobachten: Was passiert um uns herum? Und wie kann man unseren Alltag mit dem Weltbild der allumfassenden Vernetzung neu verstehen? Wohin führt das neue Verständnis?
Lassen Sie uns das Familienstellen genauer beobachten. Was passiert dort?


Das Phänomen
Besonders in den „Freien Systemischen Aufstellungen“, die ich 2002 ins Leben gerufen habe, sind die Phänomene überdeutlich: Ein Teilnehmer einer Aufstellungsveranstaltung (beim „freien“ Stellen darf jeder mit seiner eigenen Aufstellung frei umgehen und experimentieren) sucht sich aus der Gruppe einzelne Personen aus, die in einem spontanen Rollenspiel entweder Familienmitglieder, Arbeitskollegen oder Partner darstellen sollen. Auch abstrakte Elemente, wie z.B. das neue Auto, die eigene Wohnung, der Arbeitsplatz oder Gefühle wie bestimmte Phobien, Wut, Unruhe, Schlaflosigkeit können mit Hilfe von Stellvertretern personifiziert werden. Die ausgewählten Gruppenmitglieder stellen sich als Stellvertreter zur Verfügung, fühlen sich in die ihnen zugeteilte Rolle ein, und folgen während der gesamten Aufstellung den Gefühlen und Handlungsimpulsen, die in ihnen entstehen. So entwickelt sich ein über Intuitionen gesteuertes Rollenspiel. Das Unglaubliche daran ist: Der aufstellende Teilnehmer teilt den Gruppenmitgliedern nicht mit, wen oder was sie überhaupt vertreten. Er stellt es sich lediglich in Gedanken vor. Kein anderer ist in die Problematik eingeweiht. Keiner aus der Gruppe weiß, was hier von den Stellvertretern dargestellt wird – und auch die Stellvertreter haben keine Ahnung. Sie folgen einfach ihrem Gefühl. Überdurchschnittlich häufig wird vom aufstellenden Teilnehmer mitgeteilt, dass das Verhalten der Stellvertreter ziemlich genau der Problematik entspricht, die er in diesem Zusammenhang aufgestellt hat. Die Stellvertreter verhalten sich oft den Personen oder Elementen entsprechend, die sie vertreten – ohne auf der bewussten Ebene irgendwelche Informationen erhalten zu haben.


Resonanzen überall
Dieses Phänomen tritt so zuverlässig auf, dass ich mir überlegt habe, ob es auch in unserem Alltag wiederzuentdecken ist. Je öfter ich mir diese Frage stellte, desto bewusster wurde mir ein Zusammenhang: Immer, wenn wir Menschen uns zur Verfügung stellen, gehen wir mit unserem Umfeld besonders intensiv in Resonanz. Dadurch entstehen in uns entsprechend „wahrnehmende Gefühle“. Analysieren wir diese Gefühle genauer und vergleichen sie mit unserem Umfeld, so können wir erkennen: Unsere Gefühle weisen eine erstaunlich klare Übereinstimmung mit den energetischen oder psychischen Strukturen unseres Umfeldes, unserer Mitmenschen oder unseres momentanen Gesprächspartners auf. Sie enthalten Informationen über die Person oder die Situation, der wir uns zur Verfügung gestellt haben. Wenn wir uns dann selbst sagen „Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung“, verschwinden diese Gefühle wieder. Wie kann man das erklären?


Veränderungswünsche binden uns an die Problemstruktur
In Aufstellungen stellt jemand ein Problem auf, das er gerne lösen möchte. Es existiert in seinem Leben ein unangenehmer Zustand, den er verändern will. Die Basis seiner Handlung ist hier also ein Wunsch nach einer Veränderung. Wenn wir Veränderungswünsche genauer betrachten, erkennen wir: Eine erfolgreiche Veränderung kann genau dann durchgeführt werden, wenn das Problem genügend kennengelernt wurde. Habe ich ein Problem mit meiner Heizung, so sucht der Fachmann zunächst nach der Ursache des Problems, bevor er mit der Reparatur beginnt. Ein Arzt erstellt als erstes eine Diagnose, bevor er heilende Maßnahmen durchführt oder verschreibt. Spiele ich am Klavier etwas falsch, so muss ich genauer hinschauen, was mein Fehler war. Ist das Problem erkannt, kann es auch gebannt werden. Jeder Problemlösung geht ein genaues Kennenlernen des Problems voraus. Und wir können etwas am besten kennenlernen, wenn wir mit unseren Sinnesorganen zu dem Problem eine intensive Resonanz herstellen - mit unseren Augen, Ohren, unserem Tastsinn oder eben auch mit unserem Gefühl. Das ist ein allgemeingültiges Prinzip der Natur. Damit komme ich zurück zum Aufstellen: Wenn ein Teilnehmer einer Seminargruppe ein Problem aufstellen und verändern möchte, stellen sich Menschen als Stellvertreter für diesen Veränderungswunsch zur Verfügung und gehen automatisch (Prinzip der Natur) zu dem Problem eine intensive Resonanz ein, um dadurch zu helfen und es genau kennenzulernen. Aufgrund der Verbundenheit innerhalb unserer Matrix ist diese Resonanz auf der Gefühlsebene möglich. Der Problemzusammenhang beginnt sich in den Gefühlen und Handlungen der Stellvertreter auszudrücken und lässt sich anschließend gezielt „reparieren, korrigieren, heilen“. Ein Stellvertreter, der nicht mehr „mitspielen“ möchte, weil es ihm zu unangenehm wird oder er andere Bedürfnisse hat, sagt: „Ich stehe jetzt nicht weiter zur Verfügung. Sucht bitte jemand anderen für diese Rolle. Ich lege sie nun ab.“ Er geht – und die wahrnehmenden Rollengefühle verschwinden bei ihm sofort.


Anerkennung befreit
Im Alltag sind sich viele Menschen gar nicht bewusst, dass sie durch ihre eigenen Veränderungswünsche oder durch das Sich-zur-Verfügung-Stellen für die Veränderungswünsche eines anderen Menschen eine Resonanz zu dem entsprechenden Problem herstellen. Sie wundern sich und klagen, wenn sie sich in bestimmten Zusammenhängen plötzlich nicht mehr so gut fühlen. Dabei ist das Unwohlgefühl eine einfache Resonanz zu dem Problem, das nach einer Lösung (= Veränderung) strebt. Der Satz „Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung“ und das anschließende Verschwinden der unangenehmen Resonanzgefühle bestätigen diesen Zusammenhang immer wieder. Dabei ist es wichtig, gleichzeitig auch den eigenen Veränderungswunsch zu entlarven und aufzugeben. Das geschieht am besten, wenn man das, was vorher verändert werden sollte, nun annimmt und so achtet, wie es ist. Aus diesem Grund haben die achtungsvollen Rituale beim Familienstellen und das Würdigen eines Zusammenhangs oft eine befreiende Wirkung für die Beteiligten. Achtet man etwas, wie es ist, so wird ein Hilfs- oder Veränderungswunsch aufgegeben, die Resonanz zu dem Problem wird nicht mehr benötigt und alle damit korrespondierenden Gefühle und auch unangenehmen Körpersymptome verschwinden. Das kann sogar so weit gehen, dass sich im Alltag Verlustängste, Minderwertigkeitsgefühle, Pechsträhnen oder auch bestimmte Krankheiten verbessern oder ganz in Luft auflösen.


Wir haben immer die Wahl

Umgekehrt kann man die Resonanzgefühle im Alltag auch sehr gut nutzen, um die Situation, der man gerade zur Verfügung steht, besser zu verstehen. Man kann helfende Maßnahmen zur Verfügung stellen oder dem Problemträger auf eine Art und Weise Verständnis entgegenbringen, so dass ihm geholfen wird, sein Problem zu lösen.
Wollen wir uns in der Matrix freier als bisher bewegen, so können wir die folgenden beiden „neutralen“ Werkzeuge realisieren und sie unserem momentanen Ziel entsprechend einsetzen. Wir haben immer die Wahl zwischen:
a) „Wunsch nach Veränderung“. Er hat zur Folge, sich mit etwas intensiver zu verbinden, es genauer wahrzunehmen, um es kennenzulernen. Es entstehen wahrnehmende Gefühle in uns, mit deren Hilfe wir etwas gezielt verändern können.
b) „Anerkennen was ist“. Dies hat zur Folge, eine intensive Verbindung loszulassen. Die ganzkörperliche Wahrnehmung dessen tritt mehr in den Hintergrund. Resonanzen werden schwächer und damit verbundene Gefühle verschwinden.


Selbstverantwortung heilt
Wer sich dieser beiden Werkzeuge bewusst ist, hält damit die Lösung für seine eigenen Ungleichgewichte in der Hand und kann nun die volle Verantwortung dafür übernehmen. Man kann jedes Problem aktiv auf eine der folgenden zwei Weisen lösen:
1) Sie lösen es in und mit sich selbst, z. B. mit Hilfe verschiedener psychologischer Selbsthilfetechniken, die in vielen Lebenshilfebüchern zahlreich angeboten werden, oder im Extremfall auch mit professioneller psychotherapeutischer Beratung. Dabei ist es wichtig, sich selbst zu fragen: Welchen (unbewussten) Veränderungswunsch in mir habe ich noch nicht erfüllen oder aufgeben können?
2) Sie suchen nach der Klarheit und Bestätigung, dass das gefühlte Problem absolut nichts mit Ihnen zu tun hat, es also nur eine Wahrnehmung von Ungleichgewichten in Ihrem Umfeld darstellt. Dann können Sie daran auch nichts ändern und es anerkennen, wie es ist. Als Folge dieser Erkenntnis löst sich Ihr Veränderungswunsch auf, womit auch Ihre Resonanz und letztendlich das gefühlte Problem verschwindet. Sie stehen für dieses Problem nun nicht mehr zur Verfügung.


Mit diesem Wissen sind wir frei, selbstverantwortlich zu bestimmen, wann, wie oft, wie lange und auch wie intensiv wir für die Lösung von Problemen zur Verfügung stehen wollen.
Aufgrund einer universellen Verbundenheit beruht unser Leben auf Anziehung und Resonanz. Wir haben in ihr viel öfter die freie Wahl als wir bisher dachten.

 

Autor: Olaf Jacobsen     Erschienen in: "Matrix3000"  Heft Jan/Feb 2008 (geschrieben 2007)

 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

"Die Konsequenzen eines jungen Aufstellungsleiters", 2002
"Frei oder geführt?", 2005
"Das Potenzial zur Selbstentfaltung", 2006
"Missverstanden - Das freie Aufstellen ergänzt", 2006
"Frei ist nicht gleich frei", 2007
"Verstrickte Gefühle - Familienstellen hilft", 2007
"Familienprobleme - oft nur Theater?", 2008
"Wünsche wecken Wirkungen und Wertungen", 2010
"Interview mit Olaf Jacobsen - von Ilka Baum", 2011

"Das Potenzial der Freien Systemischen Aufstellungen" - PDF-Datei, 2011

 

 

 

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